„Das Wort vor der Predigt“ // „Wartezeiten“

Text: Gerhard Bruno Brückmann (29.06.2014) ©
2. MOGO // Fliegenberg (Martin-Luther Kirche)

In dem Begriff „Wartezeiten“ steckt das Wort „Zeit“. Und schon befinden wir uns mittendrin, im Geschehen des Alltäglichen. Einen jeden Einzelnen von uns betrifft es. Wir alle gehen mit ihr (Zeit) um. Oder sie mit uns? Wir alle verbringen viel Zeit mit Warten! Das ist die Wartezeit.

Was tun wir in dieser Zeit? Wie füllen wir sie aus? Wir werden nervös, wenn wir an der roten Ampel warten müssen. Sie (Zeit) verlängert sich, wenn vor uns einer seinen Motor abwürgt. Man raubt uns buchstäblich die Zeit! Verlängern tut sich nur die Wartezeit! Die Zeit aber, die uns verbleibt, um pünktlich unseren Arzttermin wahrzunehmen, zum Arbeitsplatz zu gelangen, oder die Theatervorstellung termingerecht einzuhalten, verkürzt sich! Eine nahezu unbarmherzige und grausame Wartezeit, die man auch als „Haltezeit“ bezeichnen kann, ist bei einem Verkehrsunfall das qualvolle Warten auf den Arzt oder Sanitätsdienst!

Subjektiv kommt es einem vor, als ob die tatsächlichen Minuten zu Stunden würden! Bei etwas, was wir als unangenehm empfinden (man denke nur an die Behandlung beim Zahnarzt – nein, das bedeutet für viele keine Wellnesskur), erscheint uns die Zeit als schmerzhaft und endlos lang. Eine nahezu gemeingefährliche Zeit, in der man ihr auch noch ausgeliefert ist!

Aber, von welcher Zeit reden wir? – Phänomen der Zeitschätzung.
Ein Autofahrer muss den Blick für den Biker haben! Er muss ihn wahrnehmen! Das braucht Zeit. Und wiederum vergeht „wertvolle“ Zeit der Umsetzung. (Gefahr erkannt – Gefahr gebannt). Für den Biker ist die häufigste Unfallursache die überhöhte Geschwindigkeit! Die Zeit, die man durch zu schnelles Fahren angeblich gewinnt, kann zum Verhängnis werden und fatale Folgen haben!

Ergo: warum diese Zeit so drastisch verkürzen? Wenn sie auf „natürliche“ Art und Weise verlängert werden sollte! Mit sich selbst und dem Straßenverkehr im harmonischen Fluss zu bleiben, das wäre letztendlich auch gesünder.

Wachsame Gelassenheit schafft schnellere Reaktionen!

Warum diese Hektik, Unruhe, Eile und Stress? So hören wir uns oft sagen: „Früher war alles anders“ – oder – „Welch eine beschauliche Zeit!“. Heute: Immer häufiger tritt ein Verlangen auf nach Entschleunigung! Wie wollen wir es nennen? Hunger nach Ruhe, nach der Distanz zu dieser schnelllebigen Welt? Wir befinden uns im 21. Jahrhundert. Es ist das dritte Millennium der Glaubenszählung.

Vielleicht entwickelt sich ja wieder eine Kultur der Treue zu Gott? Der Glaube kennt nicht den unbestechlichen Maßstab chronologischer Zeitrechnung! Von Ewigkeit – spricht kaum einer. Es wird ein jeder in seiner Sprache eigene Begrifflichkeiten finden. Die Umstände in der heutigen Zeit treiben uns zu Höchstleistungen. Und die Zeit wird immer rarer! Sie wird enger, schnürt uns regelrecht zu, die Atmung wird flacher – wir verkrüppeln zu einer „Generation von Kurzatmern!“

Und da scheint es schon als Lebensverschwendung, wenn am Postschalter vor uns drei Menschen stehen und wir warten müssen! Ein Computer, der 30 Sekunden starten muss und uns nicht in „Sekundenbruchteilen“ das Fenster in die unendliche, virtuelle Welt eröffnet, ist langsam! So vernichten wir Räume und Zeiten!! Ein Wort, was in die Alltagssprache eingewandert ist, heißt „Echtzeit“.

Es meint die „wirkliche“ Zeit, nicht die „simulierte“!

Doch, was ist das Gegenteil von „Echtzeit“? Falsche Zeit? Unechte Zeit? (Nur, weil die zu lange dauert, oder beschleunigt wird?!) Manchmal finden wir einen Ort, in dem jahrhundertelang ohne Hast und Eile in einer für uns fast „bedrohlichen“ Langsamkeit die Zeit verging! Man ließ Raum – dem Vergehen! Warum?? Weil alle Uhren auf dieser Erde nicht die „Echtzeit“ messen, sondern nur die lächerlichen Passagen unserer beschränkten Lebensvorstellungen! – Mehr nicht! –

Wir brauchen einen Ort der Verlässlichkeit und Treue, einen Ort des Bewahrens und Haltens! Das Stundengebet, das Wort Gottes, die Musik, den Gesang – die Stille – Wir brauchen Orte, Zeiten und Rhythmen, um unserem Leben Gestalt zu geben! Der Mensch baut sich nicht nur von innen nach außen, er wird auch von außen nach innen gebaut! Hören wir auf unsere innere Stimme, unseren Biorhythmus, und üben uns in wachsamer Gelassenheit, und beherrschter Disziplin!

„Fahrt einen Reifen der Achtsamkeit!“ ©

Gerhard B. Brückmann

Anläßlich des 2. Motorrad-Gottesdienstes in Fliegenberg:
29. Juni. 2014, 11:00, Martin-Luther Kirche (Pastorin : Dr. Anke Mühling)